Mennonitentum zwischen Isolation und Integration am Beispiel Paraguays .
Die Unterschiede im Kolonisations-
mennonitentum in Paraguay und Brasilien zu dem in Mexiko und Bolivien liegen
auf der Hand und sind bekannt. Die Ursachen dafür sind sehr komplex. Hier sollen nur zwei sehr gravierende Erscheinungen
in der Geschichte als Ursachen genannt werden. Die Bergthaler, die Russland 1874 verließen, waren schon in die Mariupoler
Gegend abgewandert, als Cornies in der Molotschna um 1840 seine Reformen durchführte, die eine starke Säkularisierung des
Lebens zur Folge hatten. Das betraf vor allem Schule, Wirtschaft und Verwaltung, was zu einer Machtprobe zwischen der
geistlichen und weltlichen Vormachtstellung führte. Die Siedlungsverwaltung erwies sich dabei, mit Unterstützung des Staates,
als die Stärkere. Jene Macht der Ältesten, die die Siedlergruppen bis nach Mexiko und Bolivien begleitete, war dort bereits
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gebrochen, vielleicht zu ihrem Heil.
Ein weiterer Faktor war die geistliche Revolution durch die Brüdergemeinde um 1860. Wie auch die Begleiterscheinungen waren,
und wie sie auch interpretiert wurden, durch sie vollzog sich der Bruch in der Deckungsgleichheit von Glaubensgemeinde und
Siedlungsgemeinschaft. Durch die Forderung der Bekehrung als Bedingung für die Taufe und die Aufnahme in die Gemeinde wurde
der Prozentsatz der Koloniebewohner, die auch im Erwachsenenalter zu keiner Gemeinde gehören, immer größer. In Fernheim sind es heute 21 %, in Witmarsum 25 %, in Colonia Nova 26 %, in Curitiba nahe an 50 %.
Trotz dieser Bruchlinien, die quer durch alle Mennonitensiedlungen in Paraguay gehen, außer denen der Einwanderer aus Mexiko,
bestehen hier die geschlossenen Siedlungen nach dem Modell in Russland. Die stärkste Basis für den immer noch starken
Isolationscharakter dieser Siedlungen ist der gemeinsame Landbesitz, wobei die Vergabe des Wohnrechtes in der Hand der
Gemeinschaft liegt.
Die Tendenz, die innere Homogenität zu wahren, ist, auch bei Unterschieden zwischen den Siedlungen, immer noch stark
ausgeprägt. Die Ursache dafür liegt in der Tatsache, dass sowohl die Isolation als auch die Selbstverwaltung sich einzig und allein auf die Bereitwilligkeit der Beteiligten gründen kann, dass sie also nur de facto und nicht de jure besteht. Dieser Freiwilligkeitscharakter wird aber in Frage gestellt, je heterogener die Gruppe wird. Das ist auch der Grund dafür, dass die Abwehr stärker ethnisch als glaubensmäßig bedingt ist. Ein ethnischer Mennonit wird eher akzeptiert, auch wenn er nicht gläubig ist, als ein gläubiger Lateinparaguayer. Doch die Siedlungen stehen in einem Entwicklungs- und Wandlungsprozess, der sehr langsam und deshalb vielleicht gesund vor sich geht. Eine Reihe von Umständen fördern diesen Prozess, neben dem Bruch, der schon in Russland vollzogen wurde.
Als erster Faktor ist die wirtschaftliche Entwicklung zu nennen, die ohne Bedenken massiv vorangetrieben worden ist. Die Siedlungsleitungen haben, um den Lebensstandard zu heben, alle Beziehungen, die irgend möglich waren, hergestellt und ausgewertet, im Land und weit über die Landesgrenzen hinaus. Man kann so von einem lebhaften Austausch sprechen, mit Vertretungen in Asunción und mit Besuchen von Delegationen, einschließlich des Staatspräsidenten, in den Siedlungen. Der zweite Faktor ist die Missionstätigkeit. Man konnte nicht erwarten, dass sich das Evangelium nur in eine Richtung tragen lassen würde, aus den Kolonien hinaus. Die Gemeinden werden unglaubwürdig, wenn sie missionarisch expansiv sind und den Isolationscharakter aber beibehalten wollen. Bis zu einem gewissen Grad schützt natürlich die geographische Lage, doch sie ist letzten Endes nur ein Verzögerungsfaktor, wie sich am Beispiel Brasiliens erweisen wird.
Der dritte Faktor sind die Schulen. Im Gegensatz zum Beispiel der konservativen Mennoniten sind die Schulen hier von ihrer Struktur her offen, und das nicht erst seit der Anerkennung durch das Ministerium. Diese Offenheit hat von Anfang an in Paraguay, und schon in Russland, nach Erweiterung der Kenntnisse gestrebt, was ein Studium außerhalb der Siedlungen und außerhalb des Landes einschloss, mit all den Einflüssen, die sich daraus ergeben. Die Anerkennung des Schulwesens der Mennonitenkolonien durch die staatlichen Behörden und die Angleichung an das nationale System war nur die Vervollkommnung des Strebens nach einem höheren geistigen Niveau, das schon seit Johann Cornies bestand.
Der letzte hier zu nennende Faktor ist die demographische Veränderung in den Siedlungsgebieten. Im gleichen Lebensraum wohnen immer mehr Menschen anderer Art, anderer Kultur und anderen Glaubens. Auch der mennonitische Oberschulze, obwohl nur von Mennoniten gewählt, ist in seinem Verwaltungsbereich nicht mehr nur für Mennoniten zuständig. Hieraus ergibt sich eine der schwierigsten Konfliktsituationen für das Kolonisationsmennonitentum, die sich nur schrittweise durch verwaltungsmäßige Strukturveränderung lösen lassen wird.
Integriertes Mennonitentum am Beispiel Brasiliens
Die in Brasilien eingewanderten Mennoniten hatten von ihren Siedlungen, die sie gründen wollten, die gleichen Idealvorstellungen wie ihre Glaubensbrüder, die nach Paraguay gingen. Kolonien mit einer Selbstverwaltung wollten sie gründen, eine wirtschaftliche Existenzgrundlage auf gemeinschaftlicher Basis wollten sie aufbauen, soziale Einrichtungen wollten sie schaffen, ein Schulwesen wollten sie gründen - und schließlich sollten sich die Gemeinden einbetten in diese Siedlungsgemeinschaft, mit einer "Kommission für Kirchenangelegenheiten" (K.f.K.) als geistliche Dachorganisation und als Pendant zur Siedlungsleitung.
Es war ein unvorstellbar harter Kampf um dieses Ideal. Der Staat gewährte keine Sonderstellung, alles war von dem guten Willen und der Einsicht der Siedler abhängig. Der gemeinsame Landbesitz fiel von vorneherein weg. Jeder Siedler wohnte auf seiner "Kolonie", wie man den Bauernhof nannte, und eine Dorfstruktur war aus geographischen Gründen kaum möglich. Der Kampf mit dem Urwald war so unsäglich schwer und die Ausweichmöglichkeit vorhanden, so dass die Abwanderung nach Curitiba schon sehr bald begann. Das zog die Unterwanderung der Siedlung mit Fremden nach sich. Unterschiedliche Schwerpunkte in der Zielsetzung führten zu harten Auseinandersetzungen zwischen Gemeinde- und Siedlungsleitung, was die Auflösungserscheinungen beschleunigte.
Hinzu kamen die harten Jahre der Nationalisierungspolitik seit 1938 bis über das Ende des Zweiten Weltkrieges hinaus, die sowohl die kulturelle als auch die geistliche Betätigung einschränkten. Jedenfalls gingen die Schulen, das Rückenmark des Kolonisationsmennonitentums, über zehn Jahre vollständig verloren. Der obligatorische Militärdienst, das vom Staat dirigierte Schulwesen, die starke Einbettung in das Wirtschaftsleben und der oft unmittelbare Kontakt zur Landesbevölkerung trugen dazu bei, dass die Integration sich beschleunigte. Das eindeutigste Kriterium dafür ist die Sprache. In der Schule und auf dem Schulhof sprechen die Kinder portugiesisch und zu Hause bestenfalls plattdeutsch. Die Umgangssprache im Geschäftsleben ist portugiesisch und neuerdings gehen auch die Stadtgemeinden auf Portugiesisch über, weil die Jugendlichen einer deutschen Predigt schwer folgen können.
Wer nun in die Siedlungen Colonia Nova oder Witmarsum kommt, wird noch erstaunlich viel von jenen Kennzeichen des Kolonisationsmennonitentums vorfinden. Vornean steht das Genossenschaftswesen, dass sich eigentlich erst in Südamerika zu der Form entfaltet hat, wie wir sie kennen. In Russland waren die Kooperativen noch nicht bekannt. Man könnte sagen, dass sie in der enorm schweren Situation der Ansiedlung notgeboren wurden. Sie sind auch in Brasilien inzwischen das wirtschaftliche Rückgrat der immer noch bestehenden Gemeinschaft und zum Teil auch Mitträger des kulturellen Lebens, obwohl die Zahl der nicht-mennonitischen Mitglieder immer größer wird.
Man sieht es auch an der Infrastruktur der Siedlung, dass hier Mennoniten wohnen, man sieht es an Häusern und Höfen, und man kann es natürlich auch bei Hochzeit und Begräbnis, beim Erntedankfest und auf den großen Kirchenfesten miterleben, die zum Teil auch ein Niederschlag des kulturellen Erbes sind. Anders in Curitiba, wo die Entwicklung den ehemaligen mennonitischen Charakter der Vorortsiedlungen vollständig aufgelöst hat. Geblieben sind hier nur noch die Kirchen als Sammelpunkte mennonitischen Lebens und natürlich das familiäre und sippenmäßige Zusammengehörigkeitsgefühl mit den sozialen Begleiterscheinungen. Und hier nun eine bemerkenswerte Tatsache: Bei allen Verlusten der charakteristischen Elemente des Kolonisationsmennonitentums, denen auch heute noch viele als dem "Erbe der Väter" nachtrauern - geblieben sind die Glaubensgemeinden. Das, was in den fünfziger Jahren immer noch als Befürchtung zum Ausdruck gebracht wurde, dass nämlich mit dem Verlust der deutsch-mennonitischen Kultur auch der Glaube verloren gehen würde, ist nicht eingetroffen.
Die Glaubensgemeinden in Brasilien stehen voll in der Integration. Vor allem die Stadtgemeinden teilen sich ihre Gotteshäuser mit portugiesischsprachigen Gruppen. Die Entwicklung in Brasilien hat das Kolonisationsmennonitentum verändert und zum Teil sogar vollständig abgelöst, trotz des harten Kampfes, den die Einwanderer gegen diesen Prozess geführt haben. Viele bedauern auch heute noch den Verlust an traditionellen und kulturellen Werten. Doch Herbert Minnich stellte schon Mitte der siebziger Jahre fest, dass die jüngere Generation in der Bewertung des Mennonitentums den Glauben höher einschätzte als das deutsch-mennonitische Wesen.
Die Mennoniten dort betätigen sich, zum Teil sogar sehr intensiv, in Wirtschaft, Kultur und Politik, auch die Mitglieder der Gemeinden, nun jedoch nicht als Mennoniten, sondern als Bürger ihres Staates.
- Der Text ist Teil eines Vortrages und wurde leicht gekürzt. -
Peter P. Klassen
© www.jungegemeinde.de
Homepage: "Alles über Mennoniten"
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