Unsere Mennoniten im Chaco und Paraguay

Woher kommen die Mennoniten?

Die Mennoniten - das ganz andere Paraguay

Was ist aus uns geworden? Die Mennoniten Lateinamerikas im Vergleich


Menno Was ist aus uns geworden? Diese poetische Frage überkommt wohl jeden Mennoniten, der über den Ursprung des Täufertums zu Beginn des 16. Jahrhunderts und die Vielfalt des heutigen weltweiten Mennonitentums mit sehr unterschiedlichen Gemeindekonzepten, Glaubensrichtungen und Lebensführungen nachdenkt.

Eine der Strömungen, die sich in den Jahrhunderten besonders ausgeprägt hat, ist das Kolonisationsmennonitentum, das vor allem aus der Flucht und Wanderung der verfolgten und versprengten Mennoniten aus Holland und den Frieslanden nach Osten hervorgegangen ist. Die Einwanderung der Mennoniten in Lateinamerika geschah durchaus nicht nach einem Muster und den gleichen Motiven. Trotzdem gilt für alle das gleiche. Kaum auf einem anderen Kontinenten waren die Gegebenheiten so günstig, das Kolonisationsmennonitentum weiterzuführen, wie gerade in Lateinamerika. Hier waren es dann noch wieder einzelne Länder, die sich für eine mennonitische Kolonisation als besonders günstig erwiesen. Der Historiker C. Henry Smith sagte das auf dem "Allgemeinen Kongress der Mennoniten in Amsterdam 1936" unverblümt. Nur Länder mit einer autokratischen Regierungsform und in wirtschaftlicher Rückständigkeit, wie etwa Mexiko und Paraguay, wären bereit, Ausnahmestellungen zu gewähren. Sie seien von der öffentlichen Meinung nicht abhängig und zur Aufnahme bereit, wenn sie sich Vorteile durch die Besiedlung und Urbarmachung gewisser Ländereien versprächen.


Mennowagen Mit wenigen Ausnahmen kommen alle Mennoniten, die in Lateinamerika gesiedelt haben, aus Russland, wenn auch auf verschiedenen Wander- und Umwegen. Nur die Mennoniten in Uruguay, die direkt aus der westpreußischen Stammheimat kommen, gehören nicht dazu und noch einige kleine Splittergruppen in Paraguay. Der Hintergrund für die erste Einwanderung in Lateinamerika liegt in jenem Aufbruch aus Russland 1874. Die ganze Siedlung Bergthal zusammen mit Gruppen aus der Altkolonie und dem Fürstenland verließen damals Russland und zogen nach Kanada. Sie hofften hier das erhalten zu können, was ihnen in Russland bedroht schien. Sie sahen nicht nur in der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht eine Bedrohung. Auch in der vom Staat geförderten Modernisierung des Schulwesen und auch in dem durch die Entstehung der Brüdergemeinde verursachten geistlichen Aufbruch sahen sie eine Gefährdung ihres Glaubens- und Lebenskonzeptes. Kanada hat diesen Einwanderern nur bedingt das gebracht, was sie sich erhofft hatten. Vor allem kollidierte sehr bald das von Russland her bekannte Siedlungssystem mit dem kanadischen "home-steading", wo jeder Besitzer seines Landes und seiner Farm sein sollte. Nur mit Mühe war es möglich, auf den zugeteilten Ländereien in der Ost- und Westreserve des Red River Dorfschaften zu gründen. Doch sie hielten den durch das Gesetz bedingten Auflösungserscheinungen nicht stand. Die Dorfgemeinschaften, die ideale Form auch für die geistliche Kontrolle durch die Gemeinde, zerbröckelten. Das schon bereitete den Boden für die spätere Auswanderung vor.


Artístico Das Einsprachengesetz in Kanada während des Ersten Weltkrieges und die Einschränkungen auf dem Gebiet des Privatschulwesens waren dann die Auslöser für den Aufbruch nach Lateinamerika. In den zwanziger Jahren waren es großangelegte Wanderungen: die nach Mexiko von 1922-1926 und die nach Paraguay 1927. In beiden Fällen war die Einwanderung in diese Staaten durch Freibrief (Mexiko) und Privilegium (Paraguay) begünstigt worden. Neben den Freiheiten, die das Glaubensleben und die kulturelle Eigenart garantierten, war es besonders auch die Aussicht, hier wieder in geschlossenen Dörfern und Kolonien siedeln zu können. Auf einer Predigerberatung in Saskatchewan war im Blick auf die Ansiedlung in Paraguay am 17. Januar 1923 beschlossen worden, "nur in Dörfern anzusiedeln, und zwar mit je 30 Wirtschaften von je 190 Acker auf 3 Meilen im Quadrat." Das bedeutete, und so war es beabsichtigt, dass das Dorf als kommunale Gemeinschaft die Grundlage auch für den neuen Gemeindebau bot, wobei die Geschlossenheit der Kolonien die Garantie für das Gemeindekonzept lieferte.


Nandu In Mexiko entstanden so im Laufe der Jahre 15 Kolonien mit einer Unzahl von Dörfern, in Paraguay zunächst die Kolonie Menno. Alle Widerwärtigkeiten und alles Leid, die die in beiden Ländern sehr schlecht vorbereitete Einwanderung mit sich brachten, waren dadurch gerechtfertigt, dass Gemeinde und Kolonie - wie Leonhard Sawatzky urteilt - nun wieder sozusagen eine Einheit waren. "In dem Bewusstsein", schreibt er, "dass Kirche und Staat getrennt sein müssen, gab es eine kirchliche und eine weltliche Verwaltung, damals noch meist mit starkem Weisungsrecht der Ältesten".

Die weiteren Einwanderungen in Paraguay erfolgten in mehreren Schüben unter ganz anderen Voraussetzungen, ausgelöst durch die Folgen der beiden Weltkriege. Von 1930 bis 1932 gründeten Flüchtlinge aus Russland die Kolonie Fernheim, deren Ableger 1937 die Kolonie Friesland wurde. 1947 und 1948 waren es wieder Flüchtlinge aus Russland, die die Kolonien Neuland und Volendam gründeten.

Das Merkwürdige an diesem Vorgang ist, dass nicht Gemeinden geflüchtet waren und in Paraguay einwanderten, sondern schlechthin Mennoniten. Erstes Ziel war es auch, Dörfer und Kolonien zu gründen und eine bürgerliche Verwaltung zu organisieren, nach dem Modell aus Russland. Dann erst fanden sich die Glieder der verschiedenen Gemeinderichtungen zusammen und gründeten ihre Gemeinden. Die Kolonien waren primär, die Gemeinden sekundär. Weitere Einwanderungen in Paraguay erfolgten 1948 durch Nachzügler der konservativen Gruppen aus Kanada mit den Kolonien Sommerfeld und Bergthal und ab 1969 der Gruppen aus Mexiko mit Rio Verde und Nueva Durango. Alle waren in erster Linie bestrebt, geschlossene Landkomplexe zu erwerben, um dort Dörfer und Kolonien nach dem bekannten System anzulegen.


Reiter Der gemeinsame Landbesitz als Schutz gegen "Überfremdung", die siedlungsgeographische Struktur und eine de-facto-Selbstverwaltung, obwohl rechtlich nicht abgesichert, ist allen Siedlergruppen eigen. Die Einwanderung der Mennoniten in Brasilien verlief parallel zu jenem Schub, der 1930 - 1932 nach Paraguay kam. Es war der Teil der so genannten Moskauflüchtlinge von 1929, der sich in den Flüchtlingslagern Deutschlands für Brasilien entschied. Ebenso wie nach Paraguay kam 1934 eine Gruppe der Amurflüchtlinge nach Brasilien. Die Vorzeichen für die Einwanderung nach Brasilien waren in manchem anders als in Paraguay. Der Staat gewährte keine Privilegien, und es gab keinen gemeinsamen Landbesitz.

Einen besonderen Lauf der Entwicklung nahm das Stadtmennonitentum in Curitiba, dessen Entwicklung parallel mit der Eingliederung der anfangs noch ländlichen Vorortsiedlungen Boqueirao, Xaxim und Vila Guaira in die Grosstadt verlief. Bleibt noch die Siedlergruppe in Bolivien. Es ist wohl nicht falsch, die nun 25 Siedlungen um Santa Cruz als ein Rückzugsgebiet zu bezeichnen. Tatsache ist, dass hier Gemeinden und Gemeindesplitter Zuflucht gesucht haben, die sich sogar in Mexiko von Modernisierungserscheinungen bedroht fühlten, obwohl das nicht der einzige Grund der Auswanderung war.


Storch Die erste Einwanderung in das Siedlungsgebiet bei Santa Cruz erfolgte 1954 aus Fernheim, als eine kleine Gruppe dort das Dorf Tres Palmas anlegte. Die Mennoniten waren in Bolivien keine Unbekannten, denn in La Paz lag seit 1930, also noch vor dem Chacokrieg, ein Privilegium für Mennoniten vor, das etwa dem in Paraguay entsprach. Ein "Kontra-Privilegium" könnte man es nennen, weil es im Blick auf die Eroberung des Chaco erlassen worden war. 1957 folgten weitere 48 Familien aus der Kolonie Menno und 1963 noch einmal 20. Doch die große Einwanderung begann 1966. Hunderte von Familien kamen zunächst aus Kanada. Sie hatten sich dort in fast hundert Jahren nicht damit abfinden können, dass ihre Geschlossenheit nicht gesichert war. In den Landsiedlungen der bolivianischen Abgelegenheit wollten sie das Ideal der Einheit von Siedlung und Gemeinde noch einmal verwirklichen. Auf diese Bewegung aufmerksam gemacht, kam nun auch ein Schub nach dem andern aus Mexiko. Die Siedlungen heißen Rosenort, Reinland und Bergthal, wie in Russland und Preussen, Swift Current, wie in Kanada und Santa Rita sowie in Mexiko.


Menno Die Mennoniten hier sind ein Produktionsfaktor geworden, und als Präsident Hugo Banzer Suarez das Privilegium annullieren wollte, führten ihre Verteidiger in Santa Cruz ins Feld, dass sie 50% der landwirtschaftlichen Produktion des Departments lieferten. Obwohl der geschichtliche Hintergrund bei allen Kolonisationsmennoniten, die heute in Lateinamerika leben, der gleiche ist, zeigten schon die Motive für ihre Einwanderung bemerkenswerte Unterschiede. Das gleiche gilt für ihre heute bestehenden Siedlungen, für ihre Lebenshaltung und für das Verhältnis von Gemeinde und Siedlung.

Wenn eingangs die Frage "Was ist aus uns geworden?" gestellt wurde, und damit der Unterschied unserer heutigen Mennonitenkolonien zum Urbild des Täufertums gemeint war, dann soll die gleiche Frage hier noch einmal gestellt werden, jetzt aber in der Darstellung der Entwicklung der verschiedenen Gruppen der Kolonisationsmennoniten in den einzelnen Ländern. Was ist aus den mennonitischen Einwanderern in Lateinamerika geworden?

Konservatives Mennonitentum am Beispiel Mexikos und Boliviens.


Storch Was die so genannten Altkolonisten von den anderen Gruppen der Kolonisationsmennoniten auszeichnet, ist das ungebrochene Verhältnis zwischen Glaubensgemeinde und Siedlungsgemeinschaft. Das, was den mennonitischen Einwanderern in Russland als die Lösung des Lebensproblems einer christlichen Gemeinde erschienen war, dass nämlich die Gemeinde in dieser Welt geschlossen lebt und wirtschaftet, hatten die Auswanderer von 1874 als Grundkonzept mit nach Kanada und von dort nach Lateinamerika genommen. Gemeinde und Siedlung sind eine Einheit geblieben, wobei die Gemeinde, in der Hauptsache durch ihre Vorstände, dominiert. Verstärkt wird dieser Zustand, der durchaus auch als Machtbereich und -anspruch verstanden werden kann, durch seine Verankerung im Bibelverständnis dieser Gruppe. Der Älteste Gerhard Wiebe, der seine Gemeinde von Russland übers Meer nach Kanada führte, wie einst Moses die Kinder Israel durch die Wüste - und so sah er sich selbst auch -, erblickte in dem, was er als Bedrohung der Welt sah, "vom Feind gesponnene Fäden" und "schon ausgestreuten Unkrautsamen." Der Alteste Isaak M. Dyck, der an seinem Lebensabend die Auswanderung von Kanada nach Mexiko beschrieb, stellte im Rückblick fest: "Es ging nicht nur um die Schulen, sondern auch um die große Gleichstellung dieser Welt ..., was sich sehen ließe an den vielen buntgestrichenen Häusern und der Welt gleichgestellte Fahrzeuge."


Storch Die Ältesten sahen ihre Gemeinde von der Welt bedroht, und sie fanden Trost und Weisung im Alten Testament. "Von hinten aber war Pharao," schrieb Isaak Dyck, "mit seiner gewaltigen Kriegsmacht, und jeder wusste, wenn er zurückkehren sollte nach Kanada, würfe er seine Kinder selbst in den Strom dieser Welt hinein." Die Gemeinde flüchtete unter der Leitung ihrer geistlichen Führer, und sie legte Dörfer und Kolonien an, mit Schulzen und Siedlungsvorstehern, "um des Leibes Notdurft zu pflegen," wie es Isaak M. Dyck erklärt.

(Der Text ist Teil eines Vortrages und wurde leicht gekürzt.)
Peter P. Klassen
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